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Folgende Frage eines Patienten sah ich auf Facebook:

„Ich bin ADHS Patient und habe mal ein paar fragen: Es ist richtig, das mein arzt mir das rezept PRIVAT ohne weiteres verschreiben kann richtig?“

Diese konkrete Frage ist aufgrund der Diagnose eine gute Vorlage um die Voraussetzungen für die Verschreibung eines Betäubungsmittels wie Cannabisblüten als Privatrezept zu thematisieren.

Ein BtM-Rezept als Privatrezept für Cannabisblüten darf ein Arzt auch nicht einfach so ausstellen. Wie bei jedem Rezept muss er seiner ärztlichen Sorgfaltspflicht nachkommen. Sind seine Fähigkeiten auf dem Gebiet der Cannabismedizin unzureichend, darf er die Behandlung nicht übernehmen.

Cannabisblüten, Extrakte und Rezepturen sind keine zugelassenen Arzneimittel. Die Anwendung von Fertigarzneimitteln wie Sativex und Casemet ist nur für jeweils eine Indikation zugelassen. Andere Anwendungen sowie die Nutzung anderer Arzneimittel mit den Wirkstoffen Dronabinol, Nabilon oder Marional ist nur Off Label möglich. Ebenso nicht zugelassen ist CBD als Rezepturarzneimittel.

Der Arzneimittelhersteller haftet nur für Wirksamkeit und Unbedenklichkeit bei einer Anwendung im Rahmen der Zulassung. Der sog. „Beipackzettel“ informiert über korrekte Anwendung, Dosierung und die Nebenwirkungen. Diese Verantwortung geht bei Cannabis-Arzneimittel, abgesehen von den beiden oben erwähnten Ausnahmen komplett auf den Arzt und in Teilen den Apotheker, der das Arzneimittel ggf. zubereitet und dann an den Patienten abgibt, über.

Für Betäubungsmittel wird zudem in § 8 BtMG explizit eine Begründung für die Verschreibung gefordert. Die Anwendung ist rechtlich insbesondere dann nicht begründet, „wenn der beabsichtigte Zweck auf andere Weise erreicht werden kann.“ Damit ist auch hier eine gewisse Austherapiertheit erforderlich, zumindest was Nicht-BtM-Arzneimittel angeht. Im konkreten Fall (ADHS) ist sowohl ein Therapieversuch mit Methylphenidat (BtM, Mittel der ersten Wahl) und Atomoxetin (Mittel der zweit… eher dritten Wahl, aber kein BtM) erforderlich bevor der Arzt ein BtM-Privat-Rezept ausstellen darf.

Siehe auch: Begründete Verschreibung von Betäubungsmitteln in der Praxis

vgl. auch Dr. Cremer-Schaeffer

• der Verschreibende aufgrund eigener Untersuchung zu der Überzeugung gekommen ist, dass die Anwendung nach den anerkannten Regeln der ärztlichen Wissenschaft zulässig und geboten ist und der Patient nicht mehr als nach den Umständen unvermeidbar Schaden erleidet; hierbei sind nur die allgemein oder weitaus überwiegend anerkannten Regeln der ärztlichen Wissenschaft maßgebend, nicht aber die hiervon abweichende wissenschaftliche Überzeugung einzelner Ärzte.

gilt als nicht begründet, wenn
• auch eine andere den Patienten weniger gefährdende Maßnahme in Betracht kommt
• die verordnete Menge medizinisch nicht gerechtfertigt ist, selbst wenn dies hinsichtlich der später am Patienten angewandten Menge der Fall sein sollte
• bei Missbrauchsgefahr der bestimmungsgemäße Gebrauch des BtM nicht sichergestellt ist

2 Gedanken zu „Cannabisblüten „ohne weiteres“ auf Privatrezept verschreiben?

  1. Der Vorteil bei Privat-Verschreibungen liegt darin, dass das Rezept nicht unbedingt bei einer Krankenkasse landet und somit auch niemand auf die Idee kommt die Indikation zu überprüfen.

    Die gesetzlichen Krankenkassen prüfen die BtM-Rezepte nur aus einem einzigen Grund sehr gründlich: um sich um die Erstattung zu drücken. Wenn sie der Meinung sind der Arzt hat nicht vorschriftsmäßig gehandelt, können sie die Erstattung an die Apotheke verweigern oder den Arzt in Regress nehmen (der Patient ist hier fein raus). Die Kassen behaupten zwar es ginge ihnen um die Sicherheit der Patienten, aber wer sich in der Branche auskennt, weiß dass es eine Lüge ist. (Sonst würden sie keine Rabattverträge für kritische Arzneiformen aushandeln.)

    Insofern können die Ärzte großzügig mit BtM-Privatrezepten umgehen, denn von den dreiteiligen BtM-Rezepten bleibt ein Exemplar in der Praxis und eins in der Apotheke. Sonst bekommt davon niemand etwas mit.

  2. Wie sieht es denn aus wenn Medikamente in den Leitlinien schon als Off-Label-Use deklariert sind? Beim FMS ist Amitriptylin die einzige medikamentöse Option, die als „Empfehlung“ aufgelistet ist. Zwar ist es nicht direkt für FMS zugelassen aber für chronische Schmerzen. Wenn man als FMS Patient keine Depression oder Angststörung hat werden unter „offenen Empfehlungen“ Pregabalin und Duloxetin gelistet, mit dem Hinweis, dass es sich dann um Off-Label-Use handelt. Kein Konsens besteht bei Tramadol, welches wenigstens für Schmerzen zugelassen ist. Alles andere wird nicht empfohlen.
    Angenommen man verträgt weder Amitriptylin, noch Tramadol, noch helfen NSAR oder COX-2-Hemmer, die man inzwischen alle durch hat, ist weder depressiv, noch hat man eine Angststörung, was durch einen Psychiater bestätigt ist, dann befindet man sich automatisch bei Medikamenten mit Off-Label-Use. Ist es gerechtfertigt diese auch noch ausprobieren zu müssen, obwohl für den Patienten Bedenken gegenüber den Nebenwirkungen bestehen, bevor ein BTM Rezept begründet ist?

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